Aug. 30

Zentralfrankreich und die ESOP 45 in Toulouse

Dämmerung, ein Auto mit offener Tür, dahinter ein Hügelkamm

Bedeckungsastronomie, Apophis und ein Blick in die europäische Raumfahrt

Die ESOP ist eine jährliche Veranstaltung mit Vorträgen von Profis aus der ganzen Welt. Sie findet jedes Jahr in einem anderen europäischen Land statt und wird von lokalen Vereinen ausgerichtet. Natürlich gibt es immer ein Begleitprogramm. 2026 war die 45. ESOP am 22. und 23. August in Toulouse zu Gast: in der Salle de la Marne in Quint-Fonsegrives, als Hybrid-Veranstaltung mit Zoom und mit mehr als 100 angemeldeten Teilnehmern [2].

Im Mittelpunkt stehen Bedeckungen, also der Moment, in dem ein Himmelskörper vor einem Stern vorbeizieht. Die Dachorganisation zur Koordination solcher Beobachtungen ist die IOTA, in Europa die IOTA/ES [1]. Ich war ab dem 22. August bei der Konferenz dabei. Das Tagesprogramm der ESOP 45 ist öffentlich einsehbar. Unten berichte ich dazu mehr.

Anreise: dunkle Nächte im Morvan und in den Monts Dore

Die Reise nach Toulouse begann schon vor der Konferenz. Nach einem Besuch bei einem Freund erreichte ich am 18. August den Regionalpark Morvan in Burgund. Er trägt seit 2025 das Label Réserve internationale de ciel étoilé, ein internationalesDunkelhimmel-Reservat, das siebte in Frankreich [10]. Mein Ziel war der Mont Beuvray, auf dem die Société Astronomique de Bourgogne Beobachtungsabende veranstaltet (Sous le ciel de Bibracte) [11]. Das Gelände ist toll, aber die letzten 300 m hätte ich das Equipment tragen müssen, und übernachten durfte man dort nicht. Also suchte ich mir einen Platz in der Nähe, mit einem Bach daneben und völliger Ruhe. Der Himmel riss auf, es war nach meiner Schätzung etwa Bortle 3. Mit dabei hatte ich mein C925 und natürlich einen ganz speziellen PiFinder, denn ich wollte insbesondere mein neues Projekt PiFinder-Stellarmate testen.

Daneben hatte ich viel Zeit eingeplant für Kultur, Museen, Kathedralen und natürlich richtig gutes französisches Essen. Das würde aber den Rahmen für diesen Artikel sprengen. Wer mag, kann sich gern bei mir über das Kontaktformular der Homepage melden.

Am 19. August ging es weiter in die Auvergne, in die Monts Dore im Département Puy-de-Dôme. Mein Standort lag auf rund 1450 m Höhe am Col de la Croix Saint-Robert, beim Roc de Cuzeau. Zunächst wackelte das Auto im Wind. Nach dem Umparken stand das Teleskop im Windschatten des Autos, und es war absolut windstill. Die Nacht dort lässt sich kaum in Worte fassen.

Die Monts Dore sind eine Vulkanlandschaft und Teil des Regionalen Naturparks Volcans d’Auvergne. Das Massiv besteht aus zwei ineinander geschachtelten Stratovulkanen: Der ältere, der Vulkan des Mont-Dore, entstand vor etwa 3 Millionen Jahren, der jüngere, der Sancy, zwischen etwa 1 Million und 200 000 Jahren vor heute. Der Puy de Sancy ist mit 1886 m der höchste Punkt des Zentralmassivs [14]. Die eiszeitliche Vergletscherung hat die Landschaft stark geformt, zum Beispiel den Gletscherzirkus im Chaudefour-Tal, und alte Vulkanstrukturen freigelegt [14]. Der Roc de Cuzeau (1737 m) besteht aus Trachyt, einem vulkanischen Gestein, und liegt zwischen dem Puy des Crebasses und dem Col de la Croix Saint-Robert. Wie jung die vulkanische Geschichte der Region ist, zeigt der Lac Pavin, der erst vor etwa 6700 Jahren entstand und als jüngster Vulkan des französischen Festlands gilt [15]. Der Berg Puy de Dôme, nach dem das Département benannt ist, gehört übrigens nicht zu den Monts Dore, sondern zur Chaîne des Puys nordöstlich davon.

Pic du Midi

Am 21. August stand das Observatorium auf dem Pic du Midi (2877 m) auf dem Programm. Dort wird seit 1873 beobachtet [12]. Zu sehen gab es den 2-m-Spiegel des Bernard-Lyot-Teleskops [13] in seiner Kuppel, die nur eine minimale Öffnung hat. Diese Konstruktion soll das Kuppelseeing vermindern. Außerdem gab es den Lyot-Koronographen zu sehen.

Geforscht wird dort in zwei Richtungen. Das eine ist die Polarisationsspektroskopie mit den beiden Spektropolarimetern NeoNarval (sichtbarer Bereich, 400–1000 nm) und SPIP (Infrarot, 900–2500 nm) am Bernard-Lyot-Teleskop. Die neue Bonnette VISION erlaubt es, beide Instrumente zu koppeln [13]. Das andere ist die Koronographie: Bernard Lyot entwickelte sie in den 1930er-Jahren am Pic du Midi zur Beobachtung der Sonnenkorona. Heute wird die Technik in weiterentwickelter Form auch eingesetzt, um die Umgebung anderer Sterne zu untersuchen, etwa beim Aufspüren von Exoplaneten.

Besonders interessant ist die Geschichte des Observatoriums, die schon Ende des 19. Jahrhunderts begann. Eine echte Pionierleistung, denn in dieser Höhe und im unwegsamen Gelände war es bis zum Bau der Seilbahn kaum möglich, schweres Equipment hinaufzubringen. Historische Fotografien in der Ausstellung erinnern daran.

Was geht als Amateur in der Sternbedeckung, was nicht?

Das Aufzeichnen von Bedeckungsereignissen ist immer Teamarbeit: Erst die Messungen mehrerer Beobachter an verschiedenen Orten ergeben ein brauchbares Ergebnis. Die Frage, was Amateure beitragen können und was man dafür braucht, zog sich durch mehrere Vorträge.

In zahlreichen Vorträgen war das Thema, wie sich die Beobachterprofile verändert haben: weg von rein professionellen Beobachtern, hin zu mehr Amateuren, die mit kleinen Instrumenten leicht einsteigen können. Von kleinen Teleskopen, Smart-Telescopes, bis hin zu Amateurteleskopen in der Klasse von 50 cm bis 1 m. Dabei finden empfindlichere Kameras mit CMOS-Sensoren und einheitliche Zeitstempel über GPS, wie sie zum Beispiel die DVTI-Kamera liefert, Anwendung. Ein Global Shutter ist von Vorteil: Er belichtet alle Pixel gleichzeitig, sodass bei zeitkritischen Aufnahmen wie Bedeckungen der Zeitstempel für das ganze Bild gilt und nicht nur für einzelne Zeilen. Die Entwicklung der DVTI-Kamera stellte am Sonntag Andreas Schweizer von der Stellar Occultation Timing Association Switzerland (SOTAS) im Vortrag “DVTI+CAM project update” vor [7].

Ein weiterer Vortrag von Raphaël Lallemand, Doktorand an der Pariser Sternwarte (Betreuer: Bruno Sicardy), fasste die Zusammenarbeit von Profis und Amateuren bei Doppelasteroiden zusammen, die per Sternbedeckung untersucht werden. Grundlage ist das Projekt GaiaMoons, in dem Beobachter weltweit Sternbedeckungen durch mögliche Doppelasteroiden aufnehmen (siehe Vortragsprogramm) [7].

Thierry Midavaine vom Club Eclipse und der Société astronomique de France stellte die PheMu-Kampagnen vor: eine der ältesten Pro-Am-Kampagnen, bei der etwa alle fünf Jahre die Galileischen Jupitermonde einander bedecken und verfinstern und sich das schon mit kleinen Teleskopen beobachten lässt. 2026 sind die kleinen inneren Monde Amalthea und Thebe das Ziel [7][9]. Das internationale Pro-Am-Netzwerk der PheMu-Kampagnen zeigte, wie weit verteilt die Beobachter inzwischen sind. Als Beispiel für ein Bedeckungsereignis diente Ganymed, der einen Stern bedeckt (siehe Video).

Die ESOP zeigt, wie eng Profis und Amateure bei Bedeckungsbeobachtungen zusammenarbeiten und wie wenig Technik für den Einstieg nötig ist. Die nächste ESOP (XLVI) findet in Belgien statt [7]. Ein Dank an die Organisatoren der IOTA/ES und an die Partner in Toulouse.

Apophis: Warum Bedeckungsbeobachtungen wichtig sind

Wie nützlich Bedeckungsdaten ganz praktisch sind, zeigte Damya Souami in ihrem Vortrag über den Asteroiden (99942) Apophis. Er kommt der Erde am 13. April 2029 bis auf rund 32 000 Kilometer an die Oberfläche nahe, näher als die Satelliten in geostationärer Umlaufbahn, und ist etwa 375 Meter groß. Eine Kollision ist nach heutigem Wissen für mindestens die nächsten 100 Jahre ausgeschlossen [4].

Im Vortrag wurde erklärt, woher dieses Wissen kommt: mehr als 20 Jahre Astrometrie und Radarmessungen. Bedeckungsdaten konnten die Unsicherheit der Bahn um etwa eine Größenordnung verringern. Erst die Kombination mehrerer Verfahren ermöglicht eine gute Vorhersage. Die ersten Bedeckungen durch Apophis wurden im März 2021 in den USA beobachtet, auf Initiative von J. Desmars, D. Souami und B. Sicardy [6].

Damya Souami forscht am CNRS im Laboratoire LIRA der Pariser Sternwarte (Observatoire de Paris – PSL) und am Institut naXys der Universität Namur. Die Pariser Sternwarte hat sie bei der Vorbereitung des UN-Jahres Asteroids2029 vertreten [2][6]. Leider gibt es viel Unwissenheit über Apophis, Aufklärung tut Not. Deshalb haben die Vereinten Nationen 2029 zum International Year of Asteroid Awareness and Planetary Defence erklärt [3], zu dem die Initiative Asteroids2029 aufruft.

Raumfahrtmuseum in Toulouse

Nach der Konferenz stand am Montag, 24. August, die Cité de l’Espace auf dem Programm, das Raumfahrtmuseum von Toulouse [8]. Geführt hat uns Yves Gourinat, Professor am ISAE-SUPAERO (Universität Toulouse), Experte für Raumfahrttechnik und ehemaliger Astronautenkandidat. Seine Laufbahn begann er als Ingenieur bei Aérospatiale (heute Airbus) [5].

Einiges blieb besonders hängen:

  • Die Apollo-Mondfähre im Museum ist ein Mock-up. Als Leichtbau würde sie auf der Erde unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen.
  • Der Tank einer Rakete ist aus Gewichtsgründen so dünn, dass er ohne ständigen Innendruck in sich zusammenfallen würde. Dafür gibt es den kleinen Heliumtank unten an der Rakete.
  • Flugzeuge müssen künftig vermehrt mit Wasserstoff fliegen, das sei die Zukunft.

Airbus und Aeroscopia

Am Dienstag, 25. August, folgte der Besuch bei Airbus und im Museum Aeroscopia [8]. Der Besuch bei Airbus unterlag strengen Sicherheitskontrollen. Im Museum gibt es zahlreiche Exponate, vom A380 bis zur Concorde. Nach dem Museum folgte eine eineinhalbstündige Bustour durch das Werk. Fotografieren war dort strengstens verboten. Schon von den Ausmaßen her ist das Werk unglaublich.

Die Highlights:

  • Die Beluga
  • Der Besuch einer Werkshalle der A350, in der gerade die Flügel montiert wurden
  • Die Besichtigung des Flughafens der Testflugzeuge (das Bild entstand später von außen)

Rückreise

Am 29. August trat ich die Rückfahrt nach Deutschland an. Eigentlich wollte ich mit einem Kollegen zusammen eine Sternbedeckung machen, aber das Wetter spielte nicht mit. Daher viel Zeit für Kultur, Museen, Kathedralen und nochmal richtig gutes französisches Essen.

Am letzten Tag legte ich in Burgund im Restaurant Pause d’Antan in Saint-Marcel eine letzte Pause ein (Standort auf Google Maps). Adieu la France, ich komme wieder.

Clear Skies
Axel

Die Daten zur Veranstaltung

Weiterführende Links

Veranstaltung und Veranstalter

Vortragende und Projekte

Apophis und Planetary Defence

Museen und Technik

Reise durch Frankreich

Quellen

[1] Quelle: IOTA/ES, https://www.iota-es.de/, International Occultation Timing Association / European Section, abgerufen am 04.10.2026

[2] Quelle: ESOP XLV Toulouse (Startseite, Teilnehmerliste), https://esop45.iota-es.de/, IOTA/ES mit Partnern, abgerufen am 04.10.2026

[3] Quelle: International Year of Asteroid Awareness and Planetary Defence, 2029, https://www.un.org/en/observances/asteroid-awareness-year, Vereinte Nationen, abgerufen am 04.10.2026

[4] Quelle: Apophis, https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Apophis, ESA, abgerufen am 04.10.2026

[5] Quelle: Testimony from Yves Gourinat, https://www.isae-supaero.fr/en/testimonials/testimony-from-yves-gourinat-elected-full-member-of-the-air-and-space-academy/, ISAE-SUPAERO, 8. Juli 2024

[6] Quelle: The asteroid Apophis observed for the first time by stellar occultation, https://observatoiredeparis.psl.eu/the-asteroid-apophis-observed.html, Observatoire de Paris – PSL, 16. April 2021

[7] Quelle: ESOP XLV Programme und Abstracts, https://esop45.iota-es.de/programme/, IOTA/ES, abgerufen am 04.10.2026

[8] Quelle: ESOP XLV Excursions, https://esop45.iota-es.de/excursions/, IOTA/ES, abgerufen am 04.10.2026

[9] Quelle: PHEMU-PHESAT 2024-2027 Campaign of observations, https://www.imcce.fr/phemu, IMCCE (Observatoire de Paris), abgerufen am 04.10.2026

[10] Quelle: Le Morvan, Réserve internationale de ciel étoilé, https://www.parcdumorvan.org/le-morvan-reserve-internationale-de-ciel-etoile, Parc naturel régional du Morvan, abgerufen am 04.10.2026

[11] Quelle: Sous le ciel de Bibracte, https://www.bibracte.fr/activite/sous-le-ciel-de-bibracte, Bibracte, abgerufen am 04.10.2026

[12] Quelle: Observatoire du Pic du Midi, https://www.omp.eu/missions/appui-a-la-recherche/observatoire-du-pic-du-midi/, Observatoire Midi-Pyrénées (OMP), abgerufen am 04.10.2026

[13] Quelle: Télescope Bernard Lyot (TBL), https://www.omp.eu/missions/observation/observation-astronomie-astrophysique/tbl-omp/, Observatoire Midi-Pyrénées (OMP), abgerufen am 04.10.2026

[14] Quelle: Les Monts Dore, https://www.decouvrir.parcdesvolcans.fr/les-monts-dore, Parc naturel régional des Volcans d’Auvergne, abgerufen am 04.10.2026

[15] Quelle: Massif des Monts Dore et strato-volcan du Sancy, https://www.vulcania.com/science/auvergne/volcans-dauvergne/monts-dore-et-sancy/, Vulcania, abgerufen am 04.10.2026

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